| Interview with Gerald Faschingeder |
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Unfortunately there is no english version available yet. Wie kommuniziert man mit WissenschafterInnen auf innovative Art?
G. Faschingeder: Ich bin nicht so sicher, ob das überhaupt nötig ist, weil
es ein Strukturproblem der Wissenschaften durch die Abgrenzung der Disziplinen gibt.
Diese Abgrenzung ist für jede Disziplin konstitutiv wichtig, obwohl immer Zusammenarbeit,
Inter- und Transdisziplinarität beschworen werden. Das heißt, Kommunikation zwischen
den Wissenschaften oder mit WissenschafterInnen stellt mehr einen Anspruch dar,
als dass es eine Realität wäre. Zusätzlich gibt es disziplinintern eine starke
Konkurrenz zwischen den WissenschafterInnen, was besonders in den
Naturwissenschaften in Form von publish or
perish ausgeprägt ist. (Übersetzt heißt der Begriff: publizieren oder sterben und gilt als angelsächsisches Grundaxiom
des Wissenschaftsbetriebes. Es führt dazu, dass Professoren gerne die Arbeiten
ihrer AssistentInnen und StudentInnen vereinnahmen, was ihre Publikationsliste
verlängert.) Kooperation ist also immer ein Risiko, ein Wagnis, weshalb die
wissenschaftliche Kommunikation mit einem großen Fragezeichen zu versehen ist
und eher ein uneingelöstes Versprechen bleibt. Um dies zu kaschieren, wird eine
als-ob-Kommunikation inszeniert, daher wird auch von Seiten wissenschaftlicher
Einrichtungen immer mehr professionellere PR gemacht. In den letzten 15 Jahren
hat hier eine enorme Entwicklung stattgefunden – die Webseite der Uni Wien ist dafür ein
anschauliches Beispiel. Dann gibt es Versuche, die ernst gemeint sind, wie etwa
die "Wissenschaftstage" oder Aktionen wie "Science goes public". Wir sollten aber vorsichtig sein, uns nicht
zu leicht von solchen Begriffen blenden zu lassen. Die Form, wie
wissenschaftliche PR gemacht wird, ist zwar modern, aber nicht wirklich innovativ.
Die Frage ist, ob es Innovation braucht oder vielmehr Ernsthaftigkeit und Dialogbereitschaft.
Es geht doch nicht um neue Worte, sondern darum, zu schauen, wie es läuft und
wie man miteinander umgeht. Mag sein, dass die Wissenschafter der Renaissance
fruchtbarer miteinander kommunizierten als jene der Gegenwart. Wenn man etwa
heute die wissenschaftlichen Kongresse betrachtet, so hört man immer wieder,
dass es dabei gar nicht so von Bedeutung ist, was vorgetragen wird, weil das
ohnehin langweilig sei, sondern wichtiger scheinen Pausen und das Drumherum zu
sein. Das sagt schon vieles.
Welche Methoden verwendet das Paulo Freire Zentrum und welche Erfahrungen haben Sie als Organisation damit gemacht?
G. Faschingeder: Man muss sich zunächst die Ziele, die wir verfolgen, ansehen.
Dabei geht es im Kern darum, eine Beziehung zwischen dem wissenschaftlichen
Milieu und der Gesellschaft, also den zivilgesellschaftlichen AkteurInnen oder
Stakeholdern, sozialen Gruppen und Bewegungen herzustellen.
Transdisziplinarität kennt zwei Zugangsweisen: die erste ist die
Radikalisierung des Interdisziplinaritätsgedankens, das Zusammenführen
verschiedener Disziplinen, um die Fragmentierung aufzuheben. Die zweite ist
dadurch gekennzeichnet, dass die Uni hinaus geht in die Gesellschaft, sich einlässt
und der Gesellschaft die Möglichkeit gibt, an der Genese wissenschaftlicher
Fragestellungen mitzuwirken. Diesem zweiten Zugang fühlen wir uns verpflichtet,
und zwar in dem Sinne, dass wir versuchen Wissenschaftskommunikation zu
gestalten. Eine der Kernaktivitäten dabei ist die Entwicklungstagung: Menschen,
die in der Entwicklungsforschung tätig sind, treffen mit in NGOs, Entwicklungs-
und Umweltpolitik tätigen zusammen, vernetzen sich, kommunizieren – auch
informell – miteinander. Es werden Impulse gesetzt und Erfahrungen
ausgetauscht. Diese Prozesse verlaufen aber nicht nur in jene Richtung, wo
WissenschafterInnen die PraktikerInnen belehren, sondern die Wissenschaft kann
auch viel von der anderen Seite mitnehmen. Für beide Seiten bedeutet das eine große
Herausforderung, denn der Grund, dass Wissenschaftskommunikation nicht so
intensiv ist, liegt nicht in persönlichen Nachlässigkeiten, sondern ist
strukturimmanent.
In den NGOs ist eine andere Form von Wissen nötig. Gefordert
sind Kompetenzen der Antragslogik und des Projektmanagements. Projekt als
Diskurs ist für das Feld prägend. Natürlich hat auch die Wissenschaft das
Problem, dass man in die Projektlogik hineingerät, aber man schafft es mitunter
aufgrund der Inhalte sich davon zu emanzipieren und es ist dann eine andere
Frage leitend, nämlich jene nach Erkenntnis und nur sekundär die Frage nach der
Weltgestaltung. Letztere hingegen ist für die NGOs primär.
Das Problem der Projektlogik resultiert aus dem
Problem der Bürokratisierung. Wie die Professionalisierung hat auch sie zwei
Seiten. Die negative zeigt sich darin, dass Dynamik und damit die Möglichkeiten
der Weltgestaltung eingeschränkt, und dementsprechend geringer sind. Ich sehe
das an dem Papierstau auf meinem Schreibtisch. Folglich rückt dadurch aber auch
die Frage nach dem Verstehen der Welt in den Hintergrund, der Durst nach
Erkenntnis wird geringer. Aus den Praxisfeldern heraus wird wenig nach
Wissenschaft gefragt. Wenn, dann handelt es sich um eine Instant-Wissenschaft.
Vergleichbar mit Instantkaffee oder einem Teebeutel, den man mit heißem Wasser
aufgießt. Das ist einfach nicht das gleiche wie frischer Kaffee aus gemahlenen Bohnen
oder offener Tee.
Für in NGOs tätige Menschen, die aufgrund zahlreicher
Verpflichtungen wenig Zeit haben, erwächst die Herausforderung des Lesens.
Nicht das Lesen der Zeitung, sondern von Büchern und Artikeln - Sich-Einlassen
auf längere Texte. Es wird dies von einigen durchaus als Zumutung gesehen, auch
von interessierten Leuten, obwohl der Anteil an akademisch Gebildeten in den
NGOs mittlerweile wesentlich höher ist als früher. Es gibt wenige, die kein
Studium absolviert haben. Das heißt, obwohl sie auch AkademikerInnen sind, gibt
es eine Entfremdung vom Lesen. Immer wieder wird gesagt, dieser oder jener Entscheidungsträger
liest nicht mehr als eine oder zwei Seiten. Das ist natürlich absurd, denn Weltzusammenhänge
oder Thesen über das Weltverstehen auf zwei Seiten zu formulieren, kann nur in
einer Karikatur enden. Wenn das allerdings ein Abstract auf Basis von bereits
bekannten Gegebenheiten innerhalb des Mainstreams ist, dann geht das natürlich.
Die Forderung nach kurzen Texten führt dazu, dass ausschließlich Mainstream
kommuniziert werden kann. Und es ist nun einmal so, dass Wissenschafts-PR nur
im Rahmen von Mainstream funktioniert.
Subversive Inhalte müssen sich daher über
künstlerische Aktionen oder andere Wege Gehör verschaffen, über Irritationen,
über das Nicht-Vertraute, aus der herkömmlichen Wahrnehmung heraus locken. Und
dabei kommt es dann vielleicht tatsächlich zu innovativen Formen im Sinne des
Bruchs mit Gewohnheiten, mit dem Mainstream, in welcher Richtung das auch immer
passiert, ob über öffentliche Straßenaktionen oder über künstlerische Formen,
die ungewohnt und nicht so schnell einzuordnen sind. Das kann zu Schwierigkeiten
führen, wenn es etwa darum geht einer Lektüre, die gegen den Strich, gegen die
Gewohnheit geht, Raum zu geben.
Die Frage nach innovativen Wegen ist sicherlich
wichtig. Einerseits braucht es die Innovation im Sinne der Irritation, also
etwas, dass nicht gewohnt ist, auch wenn es das schon in den 1930er- oder 1980er-Jahren
gegeben hat. Etwa zur Zeit des verstärkten Aufbruchs, der sozialen Bewegung,
der Linken oder der Avantgarde – einer Zeit der Erfindung neuer innovativer
Ausdrucksformen. Solche Innovationen können durchaus hilfreich sein und Sinn
machen. Andererseits stellt sich die Frage, wie es gelingen kann, dass
WissenschafterInnen in Dialog treten mit in der Praxis stehenden Menschen. Es
ist dies keine triviale Frage, weil die Logik eine andere ist.
Es gibt die offizielle Logik der Erkenntnissuche und
eine inoffizielle der akademischen Karriere. Diese zeigt sich in einer gewissen
symbolischen Ökonomie. Kulturelles oder wissenschaftliches Kapital wird
teilweise quantifiziert mit einem Ranking- oder Punktesystem. Damit entsteht
eine Tendenz der Vereinheitlichung und Standardisierung, die Tendenz in einer
Sprache – dem Englischen – zu sprechen. Andere Sprachen werden in dieses System
nicht mehr einbezogen.
Wie sollen sich WissenschafterInnen da ernsthaft mit
gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzen, vor allem, wenn sie vom Rand
kommen und nicht von dominanten Gruppen? Dass es Möglichkeiten gibt,
transdisziplinär mit dem europäischen Dachverband der Industrieellenvereinigung
zusammenarbeiten, ist ja noch irgendwie vorstellbar und findet auch statt. Verschiedene
Konzerne z. B. betreiben diesbezüglich Lobbying oder stellen tatsächlich Gelder
für Forschung zur Verfügung. Wie aber AnalphabetInnen, MigrantInnen und andere
Gruppen, die im gesellschaftlichen Konzert nicht so viel Stimme haben, auf die
Genese sozialwissenschaftlicher Fragestellungen einwirken können, ist schon
schwieriger zu beantworten.
Gibt es Zusammenarbeit mit KünstlerInnen und wie ist diese zustande gekommen?
G. Faschingeder: Wir haben einiges in Kooperation mit Organisationen im
Bereich des Forumtheaters von Augusto Boal gemacht. Da gab es dann die
Diskussion, ob das eigentlich Kunst ist oder politischer Aktionismus. Das
befindet sich in einem gewissen Spannungsfeld, das beides umschließt.
Vor zwei Jahren gab es im Zuge des
EU-Lateinamerika-Gipfels ein Reflexionsprojekt zum Onda Latina-Festival. Im Rahmen einer Lehrveranstaltung wurden mit
den Studierenden künstlerische Aktivitäten besucht und im Anschluss darüber
reflektiert, auch im Zusammenhang mit dem Denken von Paulo Freire. Im
Vordergrund standen die Fragen nach Unterdrückung und Befreiung. Gibt es
Fragmentierung oder wird kulturelle Synthese hergestellt? Wie laufen bei so
einem Großfestival Herrschaftsprozesse zwischen den verschiedenen AkteurInnen
ab. Angefangen von den KünstlerInnen, über die Agenturen und VeranstalterInnen
bis hin zu den Koordinationsteams. Es handelt sich um keine Hierarchie, sondern
um ein sehr komplexes Feld, welches der Logik zwischen Markt und Politisierung
folgt. Was passiert mit Inhalten, die die politische Realität Lateinamerikas
transportieren, die aber keine oder nur wenige HörerInnen finden. Wie verhält
es sich mit wissenschaftlichen Symposien, die elitäre Gruppen ansprechen? Hier
zeigt sich eines der Grundspannungsfelder: Je expliziter die Inhalte, desto
geringer ist oft das Publikum. Dieses wird größer, wenn es um Unterhaltung
geht, was verständlich ist, da Menschen in ihrer Freizeit Angenehmes und
Schönes machen wollen.
Auch in einigen meiner Publikationen wird die Frage
nach dem Verhältnis von Kunst und Politik gestellt. Welche Potenziale bestehen,
welche Schwierigkeiten gibt es? Ich setze große Hoffnungen in künstlerische
Tätigkeiten im Sinne des Brechens von Gewohnheiten. Ich denke, es ist wichtig,
dass außerhalb des Erwarteten und Erwartbaren kommuniziert wird. Wenn man will,
kann man das Innovation nennen.
Wie reagieren Menschen auf die Verbindung von Kunst, Wissenschaft und Entwicklungsfragen? Wie fühlt man sich als Wissenschafter dabei? Welche Erfahrungen haben Sie persönlich damit gemacht?
G. Faschingeder: Kunst, Wissenschaft und Entwicklung bilden ein
wackeliges Beziehungsdreieck. Kunst und Wissenschaft bilden ein
Fremdheitsverhältnis. Wissenschaft betrachtet Kunst häufig nur als Objekt ihrer
Forschung, die Kunst hingegen rezipiert wissenschaftliche Diskurse. KünstlerInnen
setzen sich zum Teil intellektuell auseinander und übersetzen ihr Tun in eine
andere Sprache.
Beim Verhältnis von Kultur zu Entwicklung ist zu
fragen, inwieweit sie frei bleibt oder im Sinne von Entwicklungsprozessen
funktionalisiert wird. Die Entwicklungsforschung hat oft ein ökonomisches
Handicap, sie stellt zwar den Anspruch der Transdisziplinarität, aber - plump
formuliert - Armut ist im Kern eine Geldfrage. Das führt auf der nationalen
Ebene zu Fragen nach Budget, Budgethoheiten, Souveränität von Geldflüssen und
somit zur Frage nach der Abhängigkeit vom internationalen Finanzmarkt. Daneben
bleibt die Frage nach Kultur und mentalen Perspektiven in der
Entwicklungsforschung sekundär. Das ist natürlich ein alter Paradigmenstreit
und ich argumentiere in meinen Vorlesungen mit Max Weber, wonach das
dialektische Verhältnis von mentalen, kulturellen und ökonomisch-politischen
Prozessen stärker betont werden muss. Für eine sinnvolle ökonomische
Betrachtung ist immer auch eine politische nötig, welche z. T. vernachlässigt
wird. Das heißt, es gibt die Tendenz in der Entwicklungsforschung, die politökonomische
Dimension auf eine rein ökonomische zu reduzieren, während die kulturelle Dimension
dann ganz ausgeklammert wird, weil sie ja ohnehin noch schwieriger zu fassen
ist. Die Frage nach der Relevanz von Kultur im Entwicklungsprozess ist nämlich ausgesprochen
komplex, sie ist nicht einfach ident mit kulturellen Verhältnissen, weil
künstlerische Innovationen sich auch zum Umfeld querstellen können und gerade
die inneren Widersprüche von Kulturen das Spannende ausmachen. Insgesamt ist
alles sehr verwoben und es sind noch viele Schritte zu gehen, um die Dinge
zusammenzuführen.
Das Tun des Paulo Freire Zentrums in diesem
Zusammenhang gestaltet sich in Form von Experimenten mit verschiedenen Formen
und konkreten Reflexionsbereichen. Künstlerische Aktionen im engeren Sinn
machen wir keine, das ist nicht unsere Aufgabe.
In der Vergangenheit gab es zum Beispiel auf den
Entwicklungstagungen Workshops mit KünstlerInnen aus dem Süden, wobei diese ihre
Perspektiven, z. B. zum Thema Eigentum, einbrachten. Etwa die Frage nach den
intellektuellen Rechten auf Musik. Man kommt hier sehr schnell in Widersprüche:
Wie ist es, wenn die Starrheit des Systems ein Problem ist und viele Menschen
ausschließt? Die KünstlerInnen üben Eigentumskritik. Sie sagen, dass ihre
intellektuellen Rechte missachtet, sie selbst nicht geschützt werden und
deshalb mehr Eigentumsrechte brauchen würden. Dagegen tauchen romantisierende Stimmen
auf, die dem Süden zuschreiben, gegen intellektuelles Eigentum zu sein, weil
dies nur den großen Konzernen dienen würde. Dabei handelt es sich aber oft um
Verkürzungen, denn ganz im Gegenteil, KünstlerInnen wollen partizipieren und
fair behandelt werden, um nicht unterzugehen.
Was war Ihr
einprägsamstes Erlebnis in diesem Zusammenhang?
G. Faschingeder: Intellektuelle Reflexion wird biografisch genährt, von
Erlebnissen, die irritieren. Für mich waren vor allem Reisen prägend, bei denen
es zur interkulturellen Auseinandersetzung, zum sog. Kulturschock, zu
Verwirrungen gekommen ist. Die unangenehmsten Kulturschocks sind ja jene, wenn
die anderen nicht so anders reagieren, wie man es erwartet hätte. Dies hat mir
klar gemacht, wie wichtig die kulturelle Dimension für das Verstehen fremder
Lebensrealitäten ist. Das hat mich schließlich auch zu Kultur als meinem
akademischen Hauptthema gebracht.
Ich war zweimal in Brasilien beim Welt-Sozial-Forum und
dort war es für mich sehr spannend zu sehen, wie Energien mobilisiert werden,
wie sich Leute an Debatten über die Welt beteiligen und diskutieren, wie eine
andere Welt aussehen könnte. Oder wie etwa Gilberto Gil, der Kulturminister Brasiliens
mitwirkt, allerdings nicht durch eine Rede, weil er das seiner Meinung nach
nicht gut kann, sondern er holt seine Gitarre heraus und gibt einen Song als
Statement ab. Die Beziehung zwischen Kultur und Politik ist eine spannende
Geschichte und es macht Sinn sie auszuloten.
Eine weitere bedeutende Erfahrung habe ich bei einem
Workshop gemacht, bei dem es um Volksbildung ging. Es kam zu Auseinandersetzung
mit Leuten, die aus ganz anderen Kontexten kommen, z. B. aus der
Arbeitslosenbewegung, die sehr stark selbstorganisiert und mit minimalen
Strukturen arbeiten. Sie fahren zum Welt-Sozial-Forum, ohne eine Ahnung zu
haben, wie sie sich die Rückfahrt finanzieren werden, wo sie doch auch schon
bei der Hinreise improvisieren mussten. Das macht greifbar, worum es geht, mit
welchen Energien anderswo gearbeitet wird und wie fern das von unserer
Bürokratie der Projektlogik ist.
Kunst hat dort einen Stellenwert. Ich erinnere mich an
ein Treffen mit einem Künstler im Rahmen der Ausstellung „Schrei der Ausgeschlossenen“.
Er malt Bilder, die an die ikonografische Tradition des Fastentuchs anschließen
und als Teil der religiösen Volkskultur gut dechiffrierbar sind. Seine Werke
sind künstlerisch sehr innovativ, weil sie anders sind und weil er auch an den
Muralismus andockt, an die in Mexiko entstandene Richtung der Wandmalerei, bei
der in übergroßen Wandgemälden die Inhalte der politischen Kämpfe dargestellt
werden. Der Künstler ist auch stark verwoben mit dem Netzwerk der sozialen
Bewegung, welches die Ausstellung organisiert hat. Man arbeitet sehr
basisorientiert und setzt sich stark mit der Volkskultur und damit auch mit
Volksreligiosität auseinander.
Das Einfließen des religiösen Kontextes löst in Europa
Unbehagen aus, auch in Österreich ist dies nur schwer zu kommunizieren. Etwa
der Umstand, utopische Energien aus Christentum und Marxismus zu mobilisieren,
erstaunt. Für mich ist das ein interessantes Beispiel, wie Kunst und
Mobilisierung interagieren können. Der wesentliche Punkt, der mir bei meinen
Reisen deutlich geworden ist, ist die Parteilichkeit. Auch NGOs sind immer
parteilich; es gibt eine andere Radikalität, der existentielle Bezug ist ein
anderer. Auch wenn es Mitglieder der Mittelschicht gibt, die sich an sozialen
Bewegungen der Armen beteiligen, ohne selber unter vergleichbaren Bedingungen
zu leben - also UniversitätsprofessorInnen, die in Sao Paulo große Wohnungen
haben,. Dies ist am ehesten vergleichbar mit Aktionsformen unserer
Mittelschicht.
Man merkt, viele dieser Leute stellen sich wesentlich
ausgesetzter diesen Fragen, sie werden dabei viel ernster. Da kann es manchmal sehr
ärgerlich sein, wenn dann Fragen der Transdisziplinarität auf rein akademischer
Ebene diskutiert werden und die Debatte dabei so fern vom wirklichen Leben bleibt,
weil ein Einlassen auf die Praxis fehlt. Wenn Marx in seiner 11. These schreibt
„Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es kommt aber darauf,
an sie zu verändern“, so ist das das natürliche Selbstverständnis eines
Intellektuellen, der sich in Praxis und dialogische Beziehungen einlässt.
Gleichzeitig bedeutet es eine klare Absage an akademisches Arbeiten, das
selbstreferenziell wirkt. Wissenschaft wird zu einem Markt transformiert und in
diesem werden die Meriten verteilt. Wenngleich es zu verstehen ist, wenn Leute
in Systemzwängen gefangen sind. Wenn allerdings der Blick auf die
Veränderbarkeit der Welt gerichtet wird und die Frage gestellt wird, ob wir den
Grundideen der Entwicklungsforschung gerecht werden, so glaube ich nicht, dass
Entwicklungsforschung ohne Parteilichkeit und Weltgestaltungsanspruch
konzipierbar ist. Das macht Entwicklungsforschung zu einer moralischen
Tätigkeit. Es ist eine Illusion zu meinen, sie wäre nur ideologiekritisch und
nicht auch moralisch. Deshalb muss Entwicklungsforschung selbstreflektiert
sein, weil sich viele Dinge einschleichen können, die verkappte Ideologien und
problematische Projektionen sind. Aus meiner Sicht sind Parteilichkeit und
Engagement nötig, um sinnvolle Entwicklungsforschung zu betreiben.
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