| Interview mit Dr. Sonja Hofbauer |
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Unfortunately there is no english version available yet. Wasser, Wissenschaft und Entwicklungszusammenarbeit: am Schnittpunkt von Wasser- und Lebenswelten.
Sie haben einen
wissenschaftlichen Hintergrund. Wie sind Sie dazu gekommen, für ein
nicht-wissenschaftliches Projekt als Entwicklungshelferin nach Kamerun zu
gehen?
Dr. Hofbauer: Nach meiner
fast 4-jährigen Tätigkeit an der Universität für Bodenkultur wollte ich wieder
ins Ausland. Der Job beim dt. Entwicklungsdienst hat mich gereizt und da mein
Projekt an der BOKU auslief und auch meine Dissertation fast fertig war, habe
ich mich dazu entschlossen die Herausforderung anzunehmen und für ein Jahr nach
Kamerun zu gehen.
Hat Ihnen Ihre
vorherige wissenschaftliche Tätigkeit für die Zeit in Kamerun Vorteile gebracht
bzw. konnten Sie Erfahrungen aus der Wissenschaft in der praktischen Arbeit vor
Ort umsetzen.
Dr. Hofbauer: Definitiv ja. Meine Aufgaben im Rahmen des Trinkwasserversorgungsprojekts PROVILLAGE in Kamerun bezogen sich hauptsächlich auf Projektdokumentation, Schulung der Partnerorganisationen und Erfahrungssicherung. Das sind aus meiner Sicht wissenschaftliche Kernaufgaben. Vieles von dem an der BOKU Gelerntem konnte ich in Kamerun anwenden und umsetzen. Vor allem die Herangehensweise an Probleme und das strukturierte Analysieren von Daten haben mir viel genutzt, obwohl es sich um ein angewandtes, nicht-wissenschaftliches Projekt gehandelt hat.
In welchen Bereichen
der EZA sehen Sie Stärken und Schwächen und wo gibt es
Verbesserungsmöglichkeiten?
Dr. Hofbauer: Eine Stärke der EZA, so wie sie der Deutsche Entwicklungsdienst sieht liegt sicherlich in der Partnerorientierung. Es gibt kein Projekt, das nicht mit einem lokalen Partner durchgeführt wird. Es ist besonders wichtig sich abzustimmen, Projekte sind nur mit dem starken Engagement des Partners möglich. Man kommt nicht an und zwangsbeglückt ein Land, sondern man agiert nachfrageorientiert. Das braucht starke Partner vor Ort, die man natürlich auch aufbauen und schulen kann, aber den Willen zur Zusammenarbeit müssen sie mitbringen.
Zu den Schwächen in der EZA, die ich auch in Kamerun erlebt habe, gehört sicher die schlechte Abstimmung zwischen den vor Ort tätigen Organisationen. Es gibt eine Vielzahl an internationalen Organisationen, die im Wasserbereich arbeiten. Die Abstimmung zwischen diesen ist aber nicht institutionalisiert, Erfahrungsaustausch erfolgt nur fallweise, was stark von den handelnden Personen abhängig ist. Die Anstimmung wäre deswegen so wichtig, weil jede Organisation Erfahrungen in einem bestimmten Bereich, in einer bestimmten Region sammelt und jede andere Organisation davon lernen könnte.
Was ist für Sie sinnvolle
EZA?
Dr. Hofbauer: Sinnvolle EZA besteht aus Nehmen und Geben, aus Lernen und Lehren. Ich habe viel gelernt, wenn in Kamerun jemand, ein Kollege eine Kollegin, eine Partnerorganisation oder ein Wasserstellennutzer auch etwas von mir gelernt hat, dann ist es umso besser!
Worin lagen die
besondere Herausforderung Ihrer Arbeit in Kamerun?
Dr. Hofbauer: Sich einzustellen auf die Herangehensweisen der kamerunischen Partner und Zielgruppen, der lokalen Bevölkerung, sich einstellen auf das Arbeitstempo und die Sichtweisen. Es gibt Dinge, die man nicht direkt beeinflussen kann, sondern wo man stark angewiesen ist auf die Zusammenarbeit mit den Partnern und „Animateuren“ im Projekt. Letztere arbeiten direkt mit der Bevölkerung, mit der Zielgruppe, also mit den Dörfern, in denen wir Quellfassungen oder Brunnen realisiert haben. Sie begleiten sozusagen das Dorf die ganze Zeit über und erarbeiten in vielen Sessions und Sitzungen mit dem Dorf, was auf das Dorf zukommt, wenn im Rahmen des Projektes eine Wasserstelle realisiert wird. Zusätzlich gibt es eine Art Nachbetreuung, die darauf abzielt das Wartungssysteme nachhaltig zu gestalten und die Zahlungswilligkeit der Wasserstellennutzer sicher zu stellen. All dies sind Aufgaben, die man als Entwicklungshelfer nie machen könnte, weil man erstens die lokale Sprache nicht spricht und man zweitens den Zugang zur Dorfbevölkerung nie so finden kann wie jemand von vor Ort. Die Animateure werden geschult, das sind zum Großteil kreative, topmotivierte Leute, die lange Jahre für uns gearbeitet haben und über tolles Know-how verfügen. Sie übernehmen die Arbeit mit der Zielgruppe und man ist auf diese ebenso angewiesen wie auf die lokalen Partnerorganisationen, die den Bau der Wasserstellen übernehmen. Das läuft dann „kamerunisch“ und nicht „wie bei uns“ – das war eine Herausforderung für mich!
Erachten Sie Ihre
Arbeit in Kamerun als nachhaltig bzw. resultiert eine nachhaltige Verbesserung
für die Menschen im Land?
Dr. Hofbauer: Ein besonders wichtiger Aspekt für die Nachhaltigkeit eines Wasserversorgungsprojekts ist die Wartung. Diesbezüglich wurde viel unternommen und investiert. Man muss bei den Nutzern das Bewusstsein schaffen, dass Wartung wichtig ist und den Partnern vermitteln wie diese technisch konkret umgesetzt wird (mit welchen Geräten, welchem Einsatz und Kapital sind Reparaturen zu machen).
Eine meiner Aufgaben bestand darin, dieses Wartungssystem zusammen mit einem Kollegen vom deutschen Entwicklungsdienst zu begleiten und weiter zu entwickeln. Wie haben uns bemüht, die Voraussetzungen zu schaffen, dass die realisierten Wasserstellen nachhaltig funktionieren.
Was konnten die
Projektpartner vor Ort von Ihnen lernen und was haben Sie von den
Projektpartnern gelernt?
Dr. Hofbauer: In erster Linie konnte ich sehr viel von den Projektpartnern lernen und wenn diese ein bisschen von meinem Wissen und meiner Arbeitsweise profitieren können, dann ist das der Idealfall. Ich denke, dass ich vermitteln konnte, wie man Projekte und Aktivitäten dokumentiert, wie man mit einem Geoinformationssystem und Datenbanken arbeitet, wie Wartung laufen kann und wie man Öffentlichkeitsarbeit betreiben kann.
Wie haben Sie den
Umgang mit den Behörden vor Ort erlebt?
Dr. Hofbauer: Direkt in unser Projekt eingebunden waren zwei Ministeriumskoordinatoren, einerseits ein Koordinator vom Wasserministerium, der für die technische Seite verantwortlich war und andererseits ein Koordinator vom Landwirtschaftsministerium, verantwortlich für die Animation. Für uns erwies sich das als sehr vorteilhaft, weil wir dadurch einen direkten Draht zu den verantwortlichen Ministerien sicherstellen konnten.
Kamerun insgesamt hat einen sehr aufgeblähten Verwaltungsapparat und ist bekanntlich eines der korruptesten Länder auf der ganzen Welt. Insofern laufen Prozesse manchmal sehr träge ab. Es gibt an vielen Stellen sehr fähige Leute, die sehr engagiert sind, die aber aufgrund des unglaublich aufgeblähten Verwaltungsapparates oft an ihre Grenzen stoßen. Beispielsweise hat Kamerun über 60 Ministerien. Dass hier die Zuständigkeiten nicht immer klar sind, liegt auf der Hand.
Eine zweite große Herausforderung ist der stattfindende Dezentralisierungsprozess, d.h, von den ursprünglich sehr zentralen, in der Hauptstadt konzentrierten Administrationen wird sehr viel an die Provinzen und Gemeinden abgegeben, u.a. auch die Trinkwasserversorgung. Zumindest theoretisch, denn praktisch ist daran ein entsprechendes Budget gebunden.
Die Gestze liegen vor; bei deren Umsetzung auf Gemeindeeben gibt es allerdings noch viel Handlungsbedarf.
Wasser ist ein
elementares Versorgungsgut. Am Beispiel Kamerun: Was sind die größten Probleme,
mit denen das Land in diesem Bereich zu kämpfen hat bzw. wo sehen Sie
besonderen Handlungsbedarf in der EZA?
Dr. Hofbauer: Kamerun ist – außer der extreme Norden - kein wasserarmes Land, die Probleme liegen vielmehr bei der Wasserqualität und der Siedlungshygiene. Siedlungshygien ist ein Themenkomplex, der in Kamerun noch viel zu wenig beachtet wird, weil er immer im Schatten der Trinkwasserversorgung steht.
Kamerun ist kein armes Land, es hat viele Ressourcen und Bodenschätze. Im Grunde genommen ist das Land – mit Ausnahme wieder des extremen Nordens – klimatisch sehr begünstigt. Die Herausforderung für die Zukunft besteht, denke ich darin, Kamerun nicht komplett aus der Pflicht zu nehmen, weil der Staat die Verantwortung für Wasser- und Siedlungshygienebelange tragenmuss. Es scheint mir besonders wichtig, Maßnahmen nie zu 100 % zu finanzieren, sondern einen Anteil auch öffentlich und einen Anteil durch die Zielgruppe abzudecken. Für die ländliche Wasserversorgung ist das relativ einfach, weil klar ist, wer die Begünstigten sind und wer verantwortlich ist für den Brunnen in einem Dorf mit 500 Einwohnern. Viel schwieriger erscheint es mir für die städtische Versorgung. Millionenstädte müssen langfristig mit Trinkwasser versorgt und die Abwässer und Abfälle entsprechend entsorgt werden.
Würden Sie gerne auch einmal an einem wissenschaftlichen
Projekt in Kamerun arbeiten?
Dr. Hofbauer: Ja, denn Kamerun hat sehr gute Universitäten. Der Forschungsbedarf ist groß, er besteht meiner Meinung nach weniger auf der technischen Seite, sondern vielmehr auf der sogenannten Software-Seite. Während technische Lösungen etwa in der ländlichen Wasserversorgung relativ einfach sind, gestaltet sich die Mobilisierung und Motivation der Gemeinden schwieriger. Wie bringt man die Zielgruppe dazu sich zu organissieren und die Dinge selber in die Hand zu nehmen? Wie mobilisiert man die Nutzer für Wasser zu bezahlen? Wie vermittelt man den Zusammenhang zwischen Hygiene - Wasser – Gesundheit?
Was war für Sie als
Wissenschafterin der bewegendste Moment?
Dr. Hofbauer: Was war für Sie als Wissenschafterin der bewegendste Moment?
Einer unserer Partner, der während einer Schulung verblüfft festgestellt hat, wie einfach es ist, die von ihm gebauten Brunnen auf einer topografischen Karte mittels geografischem Geoinformationssystem darzustellen.
Als zweites besonderes Erlebnis habe ich die Installation der Pumpe in einem Dorf in Erinnerung. Der letzte Schritt beim wird feierlich begangen. Wenn der Dorfälteste das erste Mal die Handpumpe betätigt und das Wasser aus zum Teil bis zu 25 Meter Tiefe an die Oberfläche gelangt, alle jublen, das Wasser verkosten, dann ist das ein sehr bewegender Moment.
Würden Sie sich
wünschen, dass mehr Mittel für die EZA bereitgestellte werden und wofür?
Dr. Hofbauer: Natürlich würde ich mir mehr Mittel wünschen, man könnte größere und längere Projekte planen und durchführen. Wichtig wäre es die Mittel gerade im Wassersektor nicht nur für technische Infrastruktur einzusetzen, sondern auch für bewusstseinsbildende Maßnahmen und für die Sensibilisierung aller Beteiligten.
Ein Beispiel: Wir hatten häufig mit dem Vorwurf zu kämpfen, dass unsere Projekte so teuer wären. Man muss allerdings bedenken, dass wir vor Baubeginn und lange nach Bauende Animations- und Sensibilisierungsaktivitäten durchgeführt haben. Das umfasst etwa die Bildung eines Wasserkomitees, die Sensibilisierung der Bevölkerung im Hinblick auf Hygienefragen, HIV/Aids und die Wartung des Brunnens.
Diese sog. Software-Maßnahmen kosten und sind essentiell für den Erfolg, auch wenn deren Wirkung schwerer zu messen ist. Man ist oft verleitet, nur die Anzahl der Brunnen zu zählen, dabei vergisst man, dass für die Nachhaltigkeit entscheidend ist wie die Bevölkerung, die Projektpartner und die Behörden dazu stehen, denn nur so ist gewährleistet, dass eine Wasserstelle auch über Jahre funktionsfähig bleibt.
Das Interview führte Matthias Weissgram.
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