| Interview with Birgit Fritz |
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Gibt es eine Verbindung zwischen
Kunst, Wissenschaft und Entwicklung?
Entwicklungsfragen,
transkulturelle 'Arbeitsräume' verlangen ebenso nach einem hohen Maß an
lebendiger Kreativität um nachhaltig beantwortet zu werden. Konstante Bewegung,
Ordnung die dem Chaos entspringt und dem Verständnis von Realität als Prozess
und Aktion sind grundlegende Bausteine
des Menschseins. Diese gilt es wahrzunehmen und anzuerkennen.
Wie arbeiten Sie als Wissenschafterin damit?
Welche Erfahrungen haben Sie persönlich damit gemacht? (Bitte erzählen
Sie über Ihre Arbeit im Zusammenhang mit Kunst, Wissenschaft und-Entwicklung)
Thema des Projekts war es in
Kyrgyzstan ein nachhaltig funktionierendes theaterpädagogisches Zentrum für
Zentralasien, das mit Methoden von Augusto Boal arbeitet, aufzubauen. Wir
arbeiteten in Jangy Jer, einer Schule für jugendliche StraftäterInnen und
Strassenkinder, 60 Kilometer nördlich von Bishkek und auch in der Region Osh in
Südkyrgyzstan, in einem Ort namens Kyzyl-Kia.
Unterschiedlichste
Versionen von Demokratieverständnis, Pädagogik, Dialog, Teamarbeit,
Verhaltensnormen prallten aufeinander. Bei der Zwischenkonferenz im September
2007 waren TeilnehmerInnen und ReferentInnen aus Kasachstan, Pakistan,
Tadjikistan, der Türkei als auch Frankreich, Österreich und Indien geladen. Die
nebeneinanderstehenden Konferenzbeiträge belegen wie differenziert die
jeweiligen Bedürfnisse und geschichtlich gewachsenen Vorraussetzungen sind und
wie viel wirklichen Willen zur Zusammenarbeit es braucht, damit solche Projekte
gelingen können.
Ein
anderes Beispiel aus meiner Arbeit war unser Besuch in Westbengalen und die
Teilnahme am Muktadhara Festival 2006 in Kolkata. Die Gastfreundschaft und
Geduld mit der uns die indischen KollegInnen empfingen und uns ihre
Lebensrealität vermittelten, verhalf uns zu einer Sensibilisierung für andere Wertesysteme und gab der Methode
mit der wir hauptsächlich befasst sind, dem Theater der Unterdrückten, zusätzliche
Dimensionen.
Was war Ihr einprägsamstes Erlebnis?
Vielleicht
war ein wirklich ungewöhnlicher Moment für mich ein Abend in Kyrgyzstan, in dem
ein französischer Marxist-Leninist und ein indischer ehemaliger Kommunist über
die weltpolitische Lage nachdachten und von den täglichen Kämpfen ihrer Arbeit
für bessere Lebensbedingungen der Unterdrückten in ihren Ländern berichteten.
Vivekananda zitierend wurde unter anderem gesagt: "Es geht nicht darum die
Früchte seiner Arbeit im jetzigen Leben zu genießen" - so lange braucht
soziale Veränderung bis sie 'greift', vielleicht bis nach dem Tod ihrer
AktivistInnen.
Einer Sache
für die Dauer seines Lebens zu dienen, das hat mich als 'Westlerin' sehr
beeindruckt. Und auch die Notwendigkeit, die Dringlichkeit des Handelns, die
Unerträglichkeit darüber, dass das Leiden vieler als Schicksal hingenommen
wird. Die Entwicklung von Solidarität in dieser 'Szene', die wie das Wasser
ihren Weg findet, über die Kontinente und die Grenzen hinweg.
Weiters
beindruckt hat mich die Betroffenheit des indischen Lehrers über den Zerfall
der Sowjetunion und seine Berührtheit darüber ehemalig kollektives Land zu
betreten. Und während ein paar kyrgysische und russische
KollegInnen marxistische Lieder für die zwei Gäste sangen sagten andere:
"Ihr habt den Kapitalismus schon lange. Erzählt uns nichts von kollektivem
Leben, wir haben ein Recht auf Kapitalismus. Das ist es was wir jetzt brauchen.
Unterdrückte gibt es vielleicht in Indien oder anderen armen Ländern. Wir hier
sind nicht arm."
Und das
in einer Region in der die Arbeitslosigkeit bei 80% liegt.
Sich in widersprüchlichen
Situationen nicht nur zurechtzufinden, sondern auch noch seiner Arbeit folgen
zu können, das braucht Kreativität, Offenheit und gute Rahmenbedingungen.
--> Back (Topic of the Month October 2008: Arts, science and development)
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