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Am selben Nachmittag gingen beide Fanblöcke nach Hause, bewaffneten sich, gründeten paramilitärische Truppen und trafen sich auf den Schlachtfeldern des Balkankrieges wieder. Einige der aus Fangruppen
hervorgegangenen paramilitärischen Einheiten, unter anderem die "Arkans Tigers", zeichneten sich durch besondere Brutalität aus.
Szenenwechsel. Wir drehen die Zeit 30 Jahre zurück und den Globus 30° nach Süden. Hier, zwischen El Salvador und Honduras, sollte bald der, gemäß Zählung der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung
(Akuf), 100. Krieg nach 1945 beginnen und für etwa 100 Stunden andauern. In die Geschichte wird dieser Krieg als "Fußballkrieg" eingehen. Obwohl die Ursachen nicht im Sport zu finden sind, fungierten drei
WM-Qualifikationsspiele doch als Auslöser für den Konflikt, der 3000 Menschen das Leben kostete. Man instrumentalisierte den Fußball um eine Kontroverse rund um Wirtschaftsflüchtlinge und ihre Zukunft
austragen zu können.
An beiden Beispielen kann man erkennen, dass Fußball schwelende Konflikte verstärken und offen zum Ausbruch bringen kann. Es gibt aber auch Beispiele für die verbindende Wirkung dieser Sportart. Seit einigen
Jahren versucht man verfeindete Bevölkerungsgruppen durch Fußball wieder aneinander zu gewöhnen, in Israel, am Balkan, in Nordirland, Südafrika oder Kolumbien.
Seit 2001 betreibt das "British Council" ein Programm namens "Football for Peace" (F4P) in Galiläa (nördliches Israel). Ziel des Projektes ist es, mittels Fußball Verbindungen zwischen den getrennt lebenden
Gemeinschaften der Israelis und Palästinenser aufzubauen.
Der lange Konflikt rund um das "Heilige Land" hat eine groteske Situation hervorgerufen. Israelische Siedler leben in ihren Dörfern, oft nur wenige Kilometer vom nächsten arabischen entfernt, ohne dieses je
betreten zu haben. Man lebt auf engstem Raum (Israel ist eines der dichtest besiedelten Länder der Welt), ohne auch nur das geringste von seinen Nachbarn zu wissen.
Genau hier setzt das britische Projekt an. Fußball, Trainer, Bälle und Dressen sollen als Anreiz dienen, den jeweils anderen und seine Lebensumstände kennen zu lernen. Wer die Probleme und Ängste
vermeintlicher "Gegner" kennt, so die Theorie, werde ihn besser verstehen und seltener bekämpfen.
Zu Beginn rang F4P mit schweren Problemen: 2001 konnte man kein israelisches Dorf überzeugen seinen Jugendlichen die Teilnahme zu erlauben und so endete, was als völkerverbindendes Zusammentreffen geplant
war, als simples Fußballtraining für palästinensische Jugendliche. 2002 kehrte man, besser vorbereitet, zurück und konnte auch israelische Jugendliche für die Idee gewinnen. Von da an entwickelte sich F4P
schnell weiter. War man 2001 noch mit 6 Freiwilligen, einem professionellen Trainer, seinem Assistenten und dem Projektleiter zu Werke gegangen, wurden 2004 über 700 Jugendliche aus 16 Ortschaften von 28
freiwilligen Studenten und 7 professionellen Trainern aus Großbritannien gemeinsam mit 60 freiwilligen Israelis und (israelischen) Arabern trainiert.
Projekte wie dieses können natürlich, und werden auch, auf vielfältige Weise kritisiert:
-Komplexen politischen und gesellschaftlichen Problemen ist normalerweise nicht mit simplen Lösungen beizukommen, wieso sollte das hier anders sein?
-Auf Kultur und (Mikro-)Gesellschaft fokussierte Friedensinitiativen funktionieren am besten innerhalb eines politisch-militärischen Friedensprozesses, der ist in Israel aber nicht in Sicht ist.
John Sugden, Soziologieprofessor und Mitinitiator des Projektes, sind diese Kritikpunkte (und einige mehr) durchaus bewusst, er hält es aber mit Edmund Burke, der da meinte: "Das Böse triumphiert allein
dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen.". Dem bleibt nur hinzuzufügen, dass es bestimmt nicht schaden kann, wenn palästinensische Jugendliche statt Steine zu werfen Fußbälle treten und ihre
israelischen Pendants sehen in welch erdrückender Armut jene hausen, die ihre unmittelbaren Nachbarn sind.
Ein ähnliches, wenn auch bedeutend kleiner und privat gehaltenes, Projekt findet man auch in Österreich. Unter dem Motto "Fußball ist Kommunikation" versuchte eine österreichische Gruppe einen Beitrag zum
Nationbuilding im jüngsten Staat Europas zu leisten. Die "Peace Kicking Mission" reiste in den Kosovo, um Fußball zu spielen - mit Serben UND Albanern. Nach einer 2-wöchigen Rekrutierungsreise durch den
Kosovo, trafen sich am 11. Mai albanische, serbische und eine OSZE Mannschaft zum Abschiedsturnier, das trotz gegenteiliger Befürchtungen von KFOR und lokalen Politikern ohne ethnische Konflikte endete. Der
dabei entstandene Dokumentarfilm ist in den gut sortierten Programmkinos dieses Landes zu sehen.
"Expect Emotions" lautet das UEFA-Motto zur Euro 2008 und genau diese vom Fußball produzierten Emotionen sind es, die in die eine oder andere Richtung instrumentalisiert werden können. Einerseits um Gräben
zwischen Ethnien zu vergrößern und sie in Kriege oder Konflikte zu führen, andererseits um genau diese Gräben zu schließen und die Kommunikation wieder herzustellen.
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