Methodologischer Zugang
In meiner mittlerweile zwölf Jahre währenden Lehrtätigkeit im Rahmen des "Schwerpunkt Außereuropa" an der Abteilung Zeitgeschichte der Karl Franzens Universität in Graz, habe ich als Soziologe versucht, erkenntnisphilosophische, kulturhistorische und sozio-epistemologische Fragestellungen anhand der Auseinandersetzung mit jenen außereuropäischen Kulturen und Gesellschaften zu vermitteln, in denen ich während der letzten fünfundzwanzig Jahre geforscht und gearbeitet habe. Es ist wichtiger denn je über den "eigenen Tellerrand" zu blicken, aber man muss den Teller, über den man blickt, gut kennen, um die Bilder und Entwicklungen, die man auf ihm gespiegelt findet, einigermaßen fundiert und wertfrei, jedenfalls nicht eurozentrisch, zu interpretieren. Neben der Vermittlung zeitgeschichtlichen Wissens über die Sozio-Politik und Sozio-Ökonomie der Länder insbesondere des subsaharischen Afrika, der südöstlichen Karibik, der Himalaya-Region, Südostasiens und des Südpazifiks habe ich Diskursanalyse und damit Ideologiekritik als herausragendste Aufgaben der Lehre betrachtet. Gerade anhand "fremder" Wirklichkeiten lässt sich gut zeigen, dass "Wirklichkeit" - als Rekonstruktion unserer Erfahrung und Wahrnehmung in der Gegenwart - niemals jene "objektive" Wirklichkeit sein kann , für die sich die soziologische und auch die historische Wissenschaft lange für zuständig gehalten hat.
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Quelle: A.O.
Trotz der Relativität oftmals divergenter "Wirklichkeiten" und jenseits kulturrelativistischer Diskussionen gibt es "Relevanzstrukturen", die Analyse und Handlung ermöglichen. Diese Kriterien sind zumeist einfacher auszumachen, als das der akademische Diskurs vermuten ließe: Nirgendwo wollen Menschen leiden; Leben heißt - gleich in welcher Kultur, gleich zu welcher Zeit - Strategien zu entwickeln um Leid zu vermeiden, um Grundbedürfnisse und Reproduktion sicherzustellen, um Zukunft aufgrund gegenwärtiger Handlung für Lebende und Hinkünftige zu ermöglichen. Anhand dieser "idealtypischen Klassifizierung" - die sich um viele Aspekte ausweiten ließe - lassen sich lebensfeindliche politische und gesellschaftliche Entwicklungen ebenso ausmachen wie lebensfördernde. Wertfreiheit kann es aufgrund der "Wirklichkeit", die Wissenschaft nicht nur analysiert, sondern auch selbst hervorbringt, nicht geben. Jede Wissenschaft hat Handlungsrelevanz, jede Handlung gestaltet Gegenwart und Zukunft; es gibt keinen wertneutralen Raum, in dem gedacht, analysiert, auch gerechnet wird und schon gar nicht in jenen Wissenschaften, deren "Subjekte" wir selbst sind - atmende, schaffende, immer wieder auch leidende Menschen.
Die Welt - als Denkbares, als Erkennbares - ist das, was wir von ihr in uns gespiegelt finden. Um die Erweiterung dieses denkenden Selbst, um Reflexion und redliche Prüfung des temporär Erkannten anhand dessen, was wir analytisch an der und durch die Welt wahrnehmen können - darum geht es in dieser Methodologie. Eine sterile, den Erkennenden aus dem Erkenntnisprozess scheinbar ausklammernde Wissenschaft orientiert sich nicht nur an einem - auch für die Naturwissenschaften - großteils obsolet gewordenen positivistischen oder empiristischen Wissenschaftsideal, sondern entbehrt auch der Begeisterung, der "Hingabe" an den Forschungsgegenstand. Der Forschungsgegenstand der Geschichts- und Sozialwissenschaften ist der Mensch, bzw. dessen vielfältiges Tun und Unterlassen im Wandel der Zeiten. Studierende, Forscherinnen und Forscher freilich sind als fühlende, atmende, denkende menschliche Individuen Teil der Systeme und historischer Prozesse, die sie analytisch durchdringen wollen. Gerade um nicht in subjektivistische Beliebigkeit zu entgleiten oder den jeweils "herrschenden Gedanken" kritiklos aufzusitzen, ist es wichtig immer wieder "vorurteilsfreie Räume" aufzusuchen, die Abstraktion und erkenntnistheoretische Distanz ermöglichen - ohne sich von der Bestimmung des wissenschaftlichen Denkens selbst zu entfernen.
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