Walther Moser im Gespräch mit Stefan Priesner Teil 2
Mrs. Dema and her family in 2006. Household costs have not increased at all, she says. With an annual cash income of only NU 8,000, her family is far below the Bhutanese average – as are most villagers in Berti village. Mrs. Dema has only two light bulbs and one rice cooker in her family house – the minimum charge of NU 35 per month seems affordable to her.
Quelle: A. O.
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Bhutan befindet sich nach den Wahlen im März 2008 im intensivsten Transformationsprozess seiner Geschichte. Herr Priesner, Sie haben das Land seit 1996 regelmäßig besucht, Sie sind mit einer Bhutanerin verheiratet und haben Freunde gefunden - welche Erinnerungen haben Sie an jenes vergangene Bhutan?
Meine ersten Erinnerungen an Bhutan sind die Mystik - als ein im Himalaja abgeschottetes Land - und die Landung am Flughafen in Paro. Im Monsunregen sieht man recht wenig vom Land, und das verstärkt diesen Eindruck vom Shangri La! Wenn man im Monsun landet, die Wolken sieht und den Nebel, die dramatischen Proportionen der Landschaft, wo es noch sehr viel Bergwald gibt und nur wenig Besiedelung.
Durch das Leben und die Arbeit im Land werden bestimmte Illusionen
richtig gestellt - ich habe das Glück gehabt, dass ich mit
Menschenrechts- und mit Regierungsaspekten zu tun hatte. Die Mystik des
ersten Tages ist dekonstruiert worden, die Politik wird durch
Motivationen angetrieben, die ganz säkular und banal sind.
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Man darf in der Bewertung von Bhutan nicht von einer idealistischen Perspektive ausgehen und sich von äußeren Zeichen verleiten lassen, die dem Land nicht gerecht werden. Eine weitere phantastische Geschichte war das "Gross National Happiness" (GNH), das damals als ich nach Bhutan gekommen bin ein Slogan war, den der König geprägt hatte. Ich habe erlebt, wie das Thema abgehoben hat - im positiven Sinn: Eine Vision, die dann stärker analytisch diskutiert wurde. Das war faszinierend und ich glaube, mein Beitrag hatte einen großen Einfluss auf die Politik, weil zuvor nichts Wissenschaftliches über das GNH geschrieben worden war.
GNH Diskurse zirkulieren tatsächlich weltweit. Es gibt in Bhutan ein eigenes Institut und eine Regierungskommission, die das GNH zum Thema haben...
Ja, das ist eine wunderschöne Entwicklung! Ich glaube nicht, dass das Konzept des GNH in irgendeiner Weise zu mehr Happiness führt als eine andere Entwicklungsvision, dazu bin ich zu westlich und rational, aber dass sich ein Staat Gedanken über Entwicklungspolitik macht, die zu einem größeren Glück für die Bevölkerung führen kann und institutionell unterlegt; dass es Konferenzen gibt, wie man Indikatoren finden und jene politisch adaptieren kann, das ist die Errungenschaft! Das GNH gibt eine Zielrichtung vor und ist ein sehr ernsthafter Versuch Entwicklungspolitik nach diesem Ziel des Glücks auszurichten: Im Jahr 1998 rief mich der Außenminister Bhutans in meinem UNDP-Büro in Thimphu an und ersuchte mich eine Rede zu schreiben für die asiatische Vorbereitungskonferenz zur UN-Milleniums-Konferenz in New York3 . Der Außenminister Bhutans war eingeladen worden die Hauptrede über das GNH zu halten, und er hat mich gefragt, ob er meine Diplomarbeit verwenden dürfe! Ich habe ihm geholfen die Rede zu entwickeln, und das mag pathetisch klingen, aber es war der Anfang des globalen Einflusses dieses Konzepts: Der Außenminister war ein guter Redner und der Star dieser großen Konferenz. Seit dem hat GNH unglaubliche Wellen geschlagen. Sogar der Chef der britischen Torries David Cameron hat versucht sich zu positionieren, als er meinte, dass nicht das Bruttonationalprodukt das Wichtige ist, sondern es gehe um Happiness.4 Er hat Bhutan erwähnt, ohne das Konzept zu verstehen. Nach dieser Konferenz wurde Bhutans erster nationaler Human Development Report zusammen mit dem GNH von der Bhutanischen Planungskommission verfasst und von mir moderiert. Das waren intellektuell und professionell sehr belohnende Momente.
Wenn ich versuche mir ein Bild von Bhutan auszumalen, dann sehe ich zwei Bilder - ein idealisierendes, wo Menschen in Armut, aber glücklich, in entlegenen Dörfern und auf Almen von dem leben, was sie selbst erwirtschaften. Das andere Bild ist jenseits dieser Romantik; hier sind jene entlegenen Dörfer abgeschnitten von der Außenwelt, von medizinischer Versorgung, die Wege sind im Winter nicht passierbar. Diese beiden Bilder konkurrieren und ich frage Sie: Sind Armut - Glück - Subsistenz und Isolation miteinander zu verbinden?
Ich würde aufpassen mit dem Romantisieren! Sicherlich, es hat in den letzten Jahren eine goldene Zeit in Bhutan gegeben, und ich bin mir nicht sicher, ob die nicht bald vorbei ist! Armut meint ja nicht nur Materielles, sondern zeigt sich auch in der Erziehung oder der Gesundheit. Diese Armut an Dienstleistungen ist seit 1962, als die Modernisierung5 begann, sehr schnell überwunden worden: der frühe Fokus auf Bildung und Gesundheit erlaubt es den Menschen heute ein besseres Leben zu führen. Trotzdem sind auch Prozesse in Bewegung gesetzt worden, die zu einem Strukturwandel und zur Geldwirtschaft führen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Entwicklung in dieselbe Richtung gehen wird wie in anderen Ländern, nämlich Verstädterung, Geldwirtschaft und Disparität des Einkommens. Man muss sich immer vor Augen halten, dass Bhutan unglaublich bevorteilt ist, weil es eine kleine Bevölkerungsdichte hat und der Druck auf die Ressourcen gering ist. Die Armut ist historisch einhergegangen mit einem Mangel an Schulbildung und Gesundheitsversorgung. Die Lebenserwartung betrug nicht mehr als 35 Jahre, bis in die 1960er Jahre! Meine Schwiegereltern in Bhutan sind ein gutes Beispiel. Sie stammen aus dem Osten Bhutans, wo es keine Schulbildung gab, und die Menschen Analphabeten waren. Meine Schwiegereltern sind in die Mittelschicht aufgestiegen und haben ihren Kindern Schulbildung ermöglicht: Drei von vier Kindern haben eine Universitätsausbildung, aber drei der ursprünglich sieben Kinder sind gestorben. Das ist paradigmatisch für die bhutanische Entwicklung; nicht alles war happy im traditionellen Bhutan, noch bis in die 1970er Jahre!
Es gibt Geschichten, wo in entlegenen Dörfern binnen Wochen durch Pocken-Epidemien alle Kinder gestorben sind. In den 1960er Jahren hat es nur zwei Ärzte für ganz Bhutan gegeben. Der Aufbau einer basalen Gesundheitsversorgung hat sensationell gegriffen!
Ja, das hat sensationell gegriffen, dass man medizinische Teams zur Bevölkerung in die entlegensten Regionen schickt und eine medizinische Grundversorgung sichert! Dieser frühe Schwerpunkt auf Gesundheit und Schulbildung unterscheidet Bhutan von vielen anderen Ländern, wo die Eliten in Straßenbau, in wirtschaftliche Entwicklung und mehr Nutzen für sich selbst investiert hatten. Es gibt bis heute ein starkes Pflichtbewusstsein der herrschenden Elite Bhutans, die Lebensbedingungen der Bevölkerung als Ganzes zu verbessern. Dieses Dienstleistungsdenken ist sehr selten in Ländern auf dieser Entwicklungsstufe.
Mit der Geldwirtschaft und der Industrialisierung ändert sich die Gesellschaft - die Fähigkeit zur Subsistenz sinkt, das Wegziehen aus den Dörfern wäre eine Folge. Wie ist Bhutan für diesen Wandel gerüstet?
Bhutan ist wahrscheinlich so gut wie kaum ein anderes Entwicklungsland für strukturelle Wandlungen gerüstet, und das sollte man nicht verhindern! Ich bin dagegen Bhutan als Ethno-Museum zu sehen. Zweitens hat Bhutan tolle Voraussetzungen: Durch die Wasserkraft gibt es Ressourcen die pro Kopf gerechnet, mit keinem anderen Land in Südasien zu vergleichen sind! Wichtig für Bhutan ist, dass der Weg des Wohlfahrtsstaates weiter gegangen wird und nicht der Weg eines amerikanischen Modells eingeschlagen wird.
Mediale Repräsentationen von Armut in Europa zeigen ein "hungerndes, schwarzes Kind" . Ähnliche prägende Bilder aus Asien kennen wir nicht, und auch sonst ist die mediale Aufmerksamkeit gering, wenn es um Armut in Südostasien geht oder um Konflikte, wie in Kashmir und Nepal. Sie arbeiten für UNDP in Bangladesch und sind wieder sehr nah an der Armut!
Ja, ich bin da ganz nah dran! Leider wird Armut in Medien oft nur mit Hunger gleichgesetzt: Die Entwicklungstheorie sieht Armut als multidimensionales Problem. Hunger ist sicher eine der ärgsten Formen der Armut, die nicht nur mit Mangeleinkommen, sondern allgemeiner mit einem Mangel an Möglichkeiten zu tun hat. Das sehe ich sehr gut hier in Bangladesch: Einerseits gibt es eine urbane Armut, wie in einem typischem Slum, wo es an Einkommen, in einer Geldwirtschaft, mangelt. Trotzdem haben die Menschen in Bangladesch theoretisch Zugang zu Schulen und zu Gesundheitssystemen. Andererseits gibt es Randgebiete in Ostbangladesch, in den Chitagong Hilltracks und anderen ländlichen Gebieten, wo es kaum medizinische Versorgung gibt, dafür aber Schulbildung. Was ist nun besser, 70 Jahre als Bettler zu leben mit einer minimalen Gesundheitsversorgung oder mit dreißig Jahren, gut genährt, an einer Krankheit zu sterben? Armut muss man differenzieren: Hunger ist ein sehr sichtbarer Indikator von Armut.
Bhutan ist ein Schwerpunktland der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit: folgten Sie diesem Weg nach Bhutan?
Der Weg nach Bhutan führte über die Library of Congress in Washington. Ich habe von 1995 bis 1996 an der John Hopkins Universität "Internationale Beziehungen" studiert und mich für Südasien interessiert. Bei der Recherche zur "Südbhutan Frage" bin ich auf das Konzept des "´Gross National Happiness (GNH)" und auch an dessen Grenzen gestoßen: das GNH war eher Label, denn ein gut recherchierter Gegenstand, also suchte ich nach Hilfe bei der Weltbank und der UNO und fand ein großes Netzwerk hilfreicher Menschen, die alle sehr emotional mit Bhutan verbunden waren. Bei der UNO habe ich um einen Praktikumsplatz angesucht und kam schon im Juli 1996 nach Bhutan: tagsüber arbeitete ich für die UNO und am Abend habe ich die Interviews geführt mit Regierungsbeamten, Leuten aus der Zivilgesellschaft und mit den damals wenigen Medienleuten. Das war die erste wissenschaftliche Analyse zum GNH! Über das Praktikum hinaus verbrachte ich vier weitere Jahre als Junior Professional Officer für UNDP in Bhutan, als Sachbearbeiter für Menschenrechte und "Good Governance".
Wie sind Sie an die Frage des GNH herangegangen?
Das Konzept des Human Development ist weiter gefasst als bloße wirtschaftliche Entwicklung und stellt auf die Fähigkeiten der Menschen ab. Ohne Gesundheit ist Wirtschaftsentwicklung vollkommen sinnlos. Es geht um Erziehung und Schulbildung und Einkommensentwicklung, und es geht um Teilnahme an politischen Prozessen. Das ist ein viel holistischeres Konzept als bloße Wirtschaftsentwicklung! Da steht das UNDP, dessen Kernthema das Human Development ist, ganz im Gegensatz zur Weltbank. Mich hat interessiert, dass es eine Führungspersönlichkeit in der Dritten Welt gibt, den König von Bhutan, der einen ähnlich weiten Entwicklungsbegriff propagiert. Es hat mich weniger interessiert, wie man das GNH messen kann oder ob die Ergebnisse immer perfekt waren, sondern was die Konzeptionen waren, die zu diesem indigenen Entwicklungsbegriff geführt haben.
Sie haben untersucht, wie die Ressourcen in Bhutan den Dimensionen Bildung und Erziehung zugeteilt worden sind?
Bhutan hat 1962 den ersten Fünfjahresplan entwickelt. Ich habe mir alle Fünfjahrespläne bis in die 1990er Jahre angesehen und wie die finanziellen Zuteilungen für sozial- und wirtschaftspolitische Themen erfolgten und habe Bhutan mit anderen Ländern verglichen. Ich habe mir auch angesehen, wie in der Nationalversammlung - das war das feudalistische Parlament - die Diskussionen geführt wurden und ob das GNH eine Rolle gespielt hat. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es nie eine theoretische Formulierung des Konzepts gegeben hat. In einem einmaligen Zusammentreffen von günstigen Umständen hat sich ein vollkommen indigenes Gefühl von entwicklungspolitischen Prioritäten entwickelt und ist gebranded worden vom König als "Gross National Happiness"! Ich finde den Namen unglücklich gewählt, aber dem Ganzen liegt ein sehr buddhistisches Verständnis zu Grunde, wie ein Staat eingreifen muss, um seine Bevölkerung zu fördern, nämlich das Gleichgewicht zwischen emotionalem, spirituellem und weltlichem Befinden herzustellen6. Sehr früh wurde Geld investiert in Gesundheit, in Schulbildung und relativ wenig Geld in Infrastruktur. Das unterscheidet sich fundamental von der damaligen Mainstream-Entwicklungsphilosophie, die das meiste Geld in industrielle Entwicklung investierte, um einen schnellen strukturellen Wandel zu schaffen. In Bhutan lag der Fokus auf der Entwicklung der Human-Ressourcen, und das hat auch zu einer dramatischen Erhöhung der Lebenserwartung und der Schulbildung innerhalb von vierzig Jahren geführt! Ich schätze, die Alphabetisierung liegt heute bei achtzig Prozent. Das wäre der schnellste Fortschritt, wahrscheinlich weltweit, würde ich ganz kühn behaupten!
Was sind die Probleme dieser Entwicklungen?
Die großen Herausforderungen für die Entwicklung Bhutans werden erst in der zweiten und dritten Generation kommen: zum Beispiel die schnelle Steigerung der Jugendarbeitslosigkeit! Bis vor zwanzig Jahren waren ca. achtzig Prozent der Familien in der Landwirtschaft tätig. Es gibt noch immer keine Anreize in die Industrie zu gehen, aber es gibt eine Bewegung in Richtung des tertiären Sektors und hier fehlt es an Arbeitsplätzen! Nun haben viele Leute eine Schulbildung erhalten und müssen doch in der Landwirtschaft bleiben! Gleichzeitig steigt der Grad der Urbanisierung, speziell um Thimphu. 1996 lebten vierzigtausend Menschen in Thimphu und im Jahr 2008 hunderttausend; das ist keine große absolute Zahl, aber als relationales Wachstum ist das enorm!
Verläuft die Entwicklung in Bhutan so langsam, dass sie steuerbar bleibt?
Die Entwicklung bis 1990 ist relativ langsam verlaufen! Bhutan war sehr selektiv und hat viele Geberländer abgewiesen - das ist auch einmalig: es existiert ein unglaubliches Selbstbewusstsein, so dass die USA nie eine Rolle gespielt haben und auch andere Großmächte nicht, mit Ausnahme Indiens! Ich glaube, in der Mitte der neunziger Jahre hat man die Kontrolle über die gesteuerte Entwicklung verloren! Das klingt jetzt sehr nach enlightened paternalism, der für die stabile Entwicklung des Landes sicherlich nicht schlecht war - aus einer ex post Betrachtung. Ex Ante betrachtet habe ich ein Problem damit, weil ich zu sehr an die Demokratie glaube! Wie gesagt, in den neunziger Jahren hat die Kontrolle nachgelassen: bis zur Einführung des Fernsehens konnte die Regierung den Einfluss von außen kontrollieren. Zudem hat es einen gesteuerten Tourismus gegeben, aus der Annahme, dass Tourismus soziale Strukturen in einem so winzigen Land zerstört, wenn man die Scheunentore öffnet. Jetzt würde ich sagen, dass Bhutan immer mehr beeinflusst wird von westlichem Denken. Das hat damit zu tun, dass viele Entscheidungsträger in Amerika und in Europa studiert haben und inzwischen Ökonomen, Ökologen oder Juristen sind. Alles, was ich jetzt erklärt habe, möchte ich wertfrei verstanden wissen, weil ich glaube, dass es eine gute Seite der Entwicklung gibt, die sehr sanft war und ohne Schockerlebnisse - mit Ausnahme der Südbhutan Krise. Eine andere nachteilige Seite war die konformistische Politik: wer nicht zufrieden war mit dem, was der Staat zur Verfügung gestellt hat, ist durch autoritäre Entscheidungen auf die Seite geschoben worden.
Modernisierung in Europa bedeutete Säkularisierung - auch in Bhutan?
Mit der Modernisierung kommt es fast notwendigerweise zu einer Säkularisierung und einer Verdrängung des Buddhismus und der Hindu-Kultur. Das hat wiederum mit den Einflüssen der Globalisierung zu tun, die, wenn man sie in irgendeiner Weise liberalisiert, nicht mehr kontrolliert werden kann. Ja, das hat absolut zu einer Säkularisierung geführt! Wobei ich anmerke, dass der Buddhismus in den Himalaja Ländern ein zutiefst gläubiger und symbolischer ist, aber nicht im intellektuellen Sinn - mit Ausnahme der Mönchs-Kultur. Die Landbevölkerung und auch die hat eine eher intuitive Beziehung zum Buddhismus, aber eben keine sehr reflektierte ...
Das klingt nach einer sehr pragmatischen Form des Glaubens! Die Ausgeglichenheit der Menschen in Bhutan - ist jene durch die Topographie oder die Kultur bedingt? Zwingt die Landschaft die Menschen in Bhutan zur Ausgeglichenheit durch Isolation und Mangel oder ist der Buddhismus Voraussetzung für eine Leben in solch ausgesetzter Lage?
Ja, ich würde sagen das Verhältnis ist achtzig zu zwanzig Prozent: die achtzig Prozent sind die Abgelegenheit des Landes und das günstige Verhältnis von Fläche zur Bevölkerung - auf einer Fläche wie der Schweiz wohnen 600.000 EinwohnerInnen. Weite Gegenden sind völlig unberührt und dadurch hat man weniger Druck auf Ressourcen, wie in Nepal, wo das Verhältnis der Fläche zur Bevölkerungszahl zehn mal so hoch ist. Das wären die achtzig Prozent. Zu den zwanzig Prozent: Der Buddhismus vermittelt ein Wertesystem , das einen Respekt zur Natur beinhaltet - wichtig ist das zyklische Verständnis des Weltbildes! Nachhaltigkeit wird stärker betont als im linear geprägten westlichen Denken. Ich glaube auch, dass die buddhistische Idee der vernetzten Welt von belebten Wesen, ob Pflanzen, Tiere oder Menschen, ein Wertesystem vermittelt, das viel mehr auf das Gleichgewicht mit der Natur Wert legt. Sonst wäre kaum zu verstehen, warum eines der ersten modernen Gesetze in Bhutan das Forstgesetz war, das schon im Jahr 1964 unter unglaublichen Strafen angedroht hat, Bäume zu fällen - sogar auf privaten Grund! Das sind die zwanzig Prozent...
Wer sind die Träger jener Ideen der "Entwicklunspolitik" in Bhutan?
Die Entwicklungspolitik ist extrem elitär! 1996, als ich nach Bhutan kam, beeinflussten nur einige Dutzend Leute die Politik, und jene teilten sowohl Herkunft als auch Werte; so war es ein Leichtes, Konsens zu finden. Dazu kam ein straffe Hierarchie mit dem König an der Spitze, seiner Ministerriege und noch ein paar hohe Staatsbeamte: ab den 1990er Jahren hat sich dieser Kreis langsam vergrößert auf Hunderte Leute, die im Westen studiert haben. Diese ersten westlich gebildeten Minister waren damals zwischen 40 und 45 Jahre alt. Sie lösten zwar die alte Garde ab, aber stammen selbst aus der Elite. Es gibt in Bhutan ein paar mächtige Familien aus deren Kreisen die Entscheidungsträger gekommen sind. Mit der neuen Verfassung und den ersten Wahlen wird es eine Selektion geben, die es bisher gar nicht gegeben hat.
Gibt es eine Mittelschicht und welche Rolle spielt sie in der Gesellschaft?
Die Mittelschicht besteht aus den Beamten, vor allem in Thimphu gibt es eine große Mittelschicht. Dann gibt es eine Kaufmanns-Schicht in den regionalen Zentren, das sind 10 bis 15 kleine Städte. Die Mittelschicht ist noch klein, aber sie wächst! Durch die Schulbildung und den Wechsel von einer Subsistenz-Landwirtschaft zu einer formellen Wirtschaft, die vor allem im Verkehrssektor Arbeit gibt.
Welche Rolle spielt die Mittelschicht ? Ich glaube, die Mittelschicht hat geholfen Bhutan zu öffnen. Der König hat den Verfassungsreformprozess und den Prozess der konstituierenden Nationalversammlung entworfen, aber hinter den Kulissen ist der König von der ersten gebildeten Generation von Entscheidungsträgern beeinflusst worden. Da hat die Mittelschicht bereits eine große Rolle gespielt, obwohl in Thimphu eine Zivilgesellschaft und der Druck von unten fehlen.
Wenn der Druck von unten fehlt, wer stellt den "Willen des Volkes" fest, und wie wird daraus das GNH Konzept abgeleitet und abgestimmt auf die "Bedürfnisse" der Bevölkerung? Wie funktioniert der soziale Aushandlungsprozess?
Dem GNH liegt ein gewisses top down auch zugrunde ... Das ist eine Rolle des aufgeklärten Monarchen, der mit dem Buddhismus in Einklang ist. Eine Einbeziehung der Grassroots in die Modernisierung bedeutet bereits ein Abweichen vom GNH-Konzept und verweist auf den Einfluss der Ideen westlicher Demokratien! Für lokale Belange hat es einen Einfluss der Kommunen gegeben, aber nicht für staatliche Aufgaben: diese wurden von einer Elite entschieden, die aus dem König und einer Ministergarde bestanden hat. Erst jetzt gibt es eine systematische Einbeziehung der Bevölkerung in staatliche Agenden, aber es wird noch dauern, bis dieser normative Rahmen der Verfassung ausgenützt wird, weil das bhutanische Bewusstsein sehr autonom im Lokalen verhaftet ist, aber distanziert ist zum Nationalen. Es braucht Zeit, bis eine Zivilgesellschaft entsteht, die am demokratischen Bhutan mitgestaltet.
Welche Modernisierung wünschen sich die BhutanerInnen?
Die Wünsche sind von einigen Einflüssen determiniert, vor allem vom Buddhismus, weitere Einflüsse sind die Globalisierung und der Kapitalismus: so traurig das klingt, die Marktwirtschaft hat eine unglaubliche Macht und verdrängende Wirkung auf die Religion. Die Erwartungen und Wünsche der Menschen in Bhutan haben sich seit zehn Jahren stark geändert: sie erwarten inzwischen auch Unterhaltung, Einkommen, eine hohe Lebenserwartung, eine gewisse Schulbildung. Entwicklung ist immer ein zweischneidiges Schwert: man tauscht eine "einfachere" Weltsicht und - vielleicht - zufriedene Gesellschaft gegen eine längere Lebenserwartung, gegen Schulbildung und Einkommen. Das Bhutan von heute stellt sich als größere Herausforderung dar, als jenes vor zwanzig Jahren. Damals war das Leben vorgezeichnet, und ich habe den Eindruck, die Menschen lebten im Einklang mit der Natur und den sozialen Strukturen.
Für Bhutan beginnt die Moderne ab 1960, mit den ersten Fünfjahresplänen: Europa hatte viel länger Zeit sich auf beschleunigten sozialen Wandel einzustellen - Bhutan muss sich binnen fünf Jahrzehnten darauf einstellen, auf Konsum, Lohnarbeit, Konkurrenzdenken, Konzepte der Individualität...
Bhutan war eine statische Gesellschaft! Eine Gesellschaft, die aus zwei Bevölkerungsgruppen bestanden hat; aus den Mönchen und Bauern und einer kleinen Beamtenschaft. BhutanerInnen haben subsistent und vom Tauschhandel mit Indien und Tibet gelebt, und sie hatten eine katastrophale Lebenserwartung von durchschnittlich 35 Jahren! Die Kindersterblichkeit war enorm! Meine Frau ist jetzt 39 Jahre alt und eines der vier überlebenden Kinder, von sieben Geborenen; und ich rede hier von der letzten Generation! Ja, Bhutan war eine Gesellschaft, die mit Null Wachstum und sehr wenig Einfluss von außen eine unglaublich starke kulturelle Identität entwickeln konnte. Das hat dazu beigetragen, dass die ersten Jahre der Entwicklung so authentisch verliefen. Andere kolonisierte Länder waren in ihren Entscheidungen hingegen abhängig von Kolonialmächten, nicht so Bhutan, das nie kolonisiert worden war! Ich stütze mich auf anthropologische Studien von Margret Mead über Menschen, die innerhalb von Jahrzehnten aus der "Steinzeit" in das zwanzigste Jahrhundert katapultiert worden sind. Mead meint, solange Entwicklung selbst determiniert ist, wäre die Geschwindigkeit nicht das Problem. Der Vorteil für die EinwohnerInnen Bhutans war, dass zumindest die Eliten lange Zeit selbstbestimmt und aufgeklärt handelten: Es hat eine Idee von noblesse oblige gegeben, einen moralischen Kode, der von den Eliten eingehalten wurde.
Stellt das GNH Konzept bereits den Übergang Bhutans zum westlichen Staat dar?
Ich glaube auch, dass die Dominanz des GNH-Paradigmas eine Übergangsphase markiert, die mit Ideen von außen verschmelzen wird; aber solange das auf organische Weise passiert und nicht in Schockbehandlungen, finde ich nichts Falsches daran. Bhutan täte gut daran sich nicht als Ethno-Museum zu sehen. Globalisierung mit Gewalt aufzuhalten wäre zum Scheitern verurteilt. Ich glaube, das wäre menschenverachtend: die gute Seite der Globalisierung ist, dass sich die Lebenserwartung verdoppelt hat! Für mich war überraschend, dass Einkommen und die Hebung des Lebensstandards nur als Mittel zum Zweck gesehen werden. In anderen buddhistischen Ländern, zum Beispiel in Thailand, ist Konsumverhalten hingegen unglaublich wichtig. Das wiederum hat auch mit dem Buddhismus zu tun, der ein tolerantes Wertesystem vermittelt und anfällig ist für Einflüsse von außen. In den 1990er Jahren war der Lebensstandard jedenfalls ein Wert unter vielen anderen, die alle für die Definition des Glücks wichtig waren. Ein Gleichgewicht aus spirituellem und weltlichem Glück.
Der Transfer von Entwicklungskonzepten zwischen Bhutan und "der Welt" intensiviert sich seit etwa zehn Jahren, auch durch Ihre Initiativen: Das GNH-Konzept Bhutans und der HDI von UNDP sind verschmolzen7. Zu GNH gibt es internationale Konferenzen, wissenschaftliche Diskurse und umgekehrt sind auch Sie mit Ideen - von außen kommend - über UNDP nach Bhutan gekommen. Haben Sie Ideen aus Bhutan in andere Regionen übertragen können?
Keine Frage, mein Denken ist beeinflusst worden von Bhutan und der Politik des UNDP. Das ging durch alle meine Stationen, Bhutan, Nepal, Trinidad, Bosnien und jetzt Bangladesch. Ich bin jetzt verantwortlich für das Programm von UNDP und einige der Prioritäten sind sicher intuitiv beeinflusst von dem, was ich in Bhutan gelernt habe, als ich mich mit GNH beschäftigt habe. Ich meine, das Konzept des Wohlfahrtsstaates trifft es nicht ganz, aber meine Vision ist nahe am GNH, denn unsere Rolle bei UNDP ist es, nicht nur Wirtschaftspolitik zu machen.
3 Außenminister Bhutans war Lyonpo Jigmi Y Thinley, damals auch Chairman of the Councils of Ministers der königlichen Regierung Bhutans. Thinley, als Parteivorsitzender der Bhutan Harmony Party gewann auch die Wahlen im März 2008 überlegen und ist amtierender Premierminister Bhutans. Die Rede ist über das Centre for Bhutan Studies zu beziehen: http://www.bhutanstudies.org.bt/admin/pubFiles/GNH_Ch2_LJThinley.pdf
4 Tatsächlich finden sich Einträge in diversen Zeitungen zu Aussagen Camerons im Jahr 2006, der sich am bhutanischen GNH orientiert und von "Bruttonational-Wohlempfinden" spricht. Die konservative Lesart des GNH muss in diesem Zusammenhang hinterfragt werden, da es aus einer kompetitiven Haltung der Marktwirtschaft kommt, die in einem Widerspruch steht zu einem religiös-philosophisch inspirierten Paradigma. Cameron entnimmt dem GNH den affektiven Wert, das "Glück", und implementiert es in ein kapitalistisches Denken, wo Glück aus einem Gewinnstreben heraus bezogen wird. Er meint wohl jenes, von Andreas Obrecht in Kapitel 2 dieses Buches angesprochene situative Glück. Das GNH Konzept Bhutans ist - und das wäre in der GNH Debatte zu diskutieren - eingebettet in die Regulationsweisen eines starken Staates. Das Wirtschaften in Bhutan zeigt eine sehr "sichtbare Hand" der Ökonomie. Nicht die Privatwirtschaft, sondern der Staat generiert Arbeitsplätze - in der Forstindustrie etwa (reguliert über strenge Forstgesetze) oder bei Hydropower Anlagen (reguliert über staatliche Abkommen, auch aus ODA Geldern finanziert).
5 Mit den Fünfjahresplänen und Finanzmittel, die zunächst vor allem von Indien investiert wurden.
6 Vgl. Kap. 2.6: Bruttonationalglück und Mahayana-Buddhismus. Glück, als Balance zwischen 'psychological-emotional-spiritual-personal well-being and economic-material-physical well-being'
7 Siehe dazu auch den Entwicklungsbericht Bhutans, gemeinsam veröffentlicht von der Regierung Bhutans und UNDP - das GNH und der HDI werden hier an die landesspezifischen Bedingung angepasst: Bhutan's Progress: Midway to the Millennium Development Goals. http://www.undp.org.bt/
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