Maßnahmen, die durch die kulturelle Integrität und die lange Zeit der Isolation (Binnenkolonisation!) eine nunmehr "sanfte" Modernisierung des Königreiches anstreben. Die Interviews gehen auch auf die ersten nationalen Wahlen 2008 ein: einmalig ist die Transformation von einer feudalen absolutistischen Monarchie zu einer Demokratie, die mustergültig geplant wurde. Doch wird in den Interviews auch Kritik geäußert - hinsichtlich des Umgangs Bhutans mit den Lhotshampas: das "Kainsmal" der jüngeren bhutanischen Geschichte ist deren Unterdrückung und die Vertreibung von etwa einhunderttausend südbhutanischen EinwohnerInnen.
Vorbemerkung: Land im Glück
Der globale Tenor von Medienberichten scheint eindeutig: Bhutan ist ein Land, das trotz Armut den Menschen materielle Sicherheit bietet. Die politische Programmatik der Regierung seit mehr als 30 Jahren lautet "Gross National Happiness" - die Glücks-Indikatoren "Gesundheit", "Bildung", "Lebenserwartung", Kindersterblichkeit", "Zugang zu sauberem Wasser" geben den PlanerInnen des Bruttonationalglücks wohl Recht. Bhutan ist die berühmte Ausnahme unter den sogenannten Entwicklungsländern: Die Rede von der Isolation des Landes meint nicht nur den Willen der Regierung, bis in die jüngere Gegenwart sehr selektiv zu bestimmen, welche Informationen die physischen Grenzen Bhutans überschreiten dürfen, sondern auch das Abbremsen von Informationsflüssen, die gegen die bloße Steilheit der Bergwelten anbranden. Radio und Fernsehen wurden erst vor wenigen Jahren von der Bhutanischen Regierung legalisiert und gefördert - über den Ausbau der Elektrizität. Seitdem steigt die Zahl jener, die ihr Glück in den Städten, wie Paro und Thimphu suchen - aus SelbstversorgerInnen werden LohnarbeiterInnen, neue soziale Gruppen entstehen, neue Bedürfnisse manifestieren sich. Die Reaktion der absolutistischen Monarchie war deren Selbstabschaffung im Zeichen der Modernisierung: die Demokratisierung als Mittel einer in Bewegung geratenen Gesellschaft, den "Wandel" zu antizipieren - in Form politischer Partizipation und Dezentralisierung von Entscheidungsstrukturen.
Eine Vision taucht auf: Die Fußsohlen, die alltägliche Lebensräume in Tagesmärschen vermaßen, werden abgelöst von Rädern, Tragflächen und Wellen. Während die FußgängerInnen aus den Bergtälern in die Städte absteigen, beschallen die Städte die Bergwelten mit technischen "Soundscapes"… "Im Fernsehen wird für rege Beteiligung an den kommenden Wahlen geworben. Im seltsamen Schwebezustand zwischen Moderne und Tradition flimmern Bilder von bhutanischen Bürgern über den Bildschirm, die fröhlich singend an die Urne schreiten. Ein Bauer meint dazu: Ach nein, ich werde doch nicht wählen gehen, ich kann doch gar nicht singen! Soziokulturelle Spannungen, unschuldige Ahnungslosigkeit gegenüber den neuen Regeln der Demokratie, die Gefahr eines politischen Machtvakuums und ambitiöser Parteienpolitik - all das liegt in der Luft ..."1
Die Radiowellen spülen stetig neue epistemologische Konzepte in die Wohnräume der Bergdörfer. Die Verhältnismäßigkeiten von Nähe und Distanz werden neu verhandelt: Bergbauern verlassen die dörfliche Autonomie und steigen ein in die Automobilität der Stadt. Diese neue topographische Freiheit ist nur ein Effekt der Freisetzung von Individuen im Zuge der Modernisierung aber auch der Fragmentierung von Lebenswelten zu Lebensstilen. Es scheint, als wäre die soziale Kohäsion, die Einheit Bhutans gefährdet und die intuitiv geteilten Werte einer buddhistisch geprägten Kultur würden sich in den "Ambivalenzen der Moderne" auflösen beginnen. Die negative Folie dieser Befürchtung ist das Bild vom "Ethno-Museum Bhutan", das eine Kultur unter einen Glassturz stellen möchte - den Buddhismus essentialisiert, das Dorfleben romantisiert, Urbanität und Moderne dämonisiert. Zwischen Befürchtungen und Hoffnungen freilich zeigt sich: Bhutan ist in einer intensiven Transformationsphase seiner Geschichte, die einerseits den Raum für Polarisierungen in Diskursen öffnet, andererseits aber auch den Blick darauf verstellt, wie heterogen sozialer Wandel verläuft.
Stefan Priesner kennt Bhutan seit Mitte der 1990er Jahre, er hat in Bhutan gearbeitet und ist dem Land durch seine Ehefrau, Familie und Freunde tief verbunden. Allein schon die äußeren Umstände der Interviews zeigen den Grad der Globalisierung vor dessen Hintergrund wir die aktuelle Situation Bhutans diskutieren: Stefan Priesner, der von Wien nach Washington zum Studium zog, dort das GNH als Thema seiner Diplomarbeit wählte, für UNDP fünf Jahre in Bhutan arbeitete und nun über seine Erfahrungen reflektiert. So ist Stefan Priesner selbst ein Akteur der Globalisierung, die er selbst beschreibt, auch weil er maßgeblich zur Verbreitung des GNH Konzeptes beigetragen hat.
Die drei Interviews wurden schließlich editorisch in die Schriftsprache übersetzt und thematisch neu gegliedert. Zur Vereinfachung des Dialogischen sind die Fragen in kursiv gehalten. Ein Dankeschön gilt dem Engagement der Studierenden, die sich am ersten Interview beteiligt haben,2 und natürlich besonders Stefan Priesner!
1 Claudia Leisinger, Bhutan erwartet die Demokratie. NZZ, 15.02.2008. Die Verfasserin ist selbst in Bhutan aufgewachsen, als Tochter eines Schweizer Arztes.
2 Gila Eisenpass, Daniel Göhring, Martin Griesbacher, Ingrid Nicoletti, Sarah Rossmann, Eva de Rouw
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